Zusammen ist man weniger gleich?

7.4. //  Neele Jacobi

Los geht’s, mein erstes Stück beim diesjährigen Hauptsache Frei Festival. Im Programmheft lese ich, bei „Eins zu Eins“ gehe es um das Anderssein, und irgendwie auch das Gleichsein, Individualität, die sich erst in der Begegnung mit dem Anderen zeigt.

Rund um die leere Bühne drei Bänke, auf jeder sitzen zwei PerformerInnen im Partnerlook. Paar Nr. 1 betritt die Bühne, Klaviermusik. Die beiden verschmelzen miteinander, schmiegen sich aneinander, rollen über- und untereinander her und durch – ich bin noch etwas verloren, weiß nicht so ganz wohin mich der Abend führen will. Zwischen  für mich sehr tanz-performance-typische Bewegungen treten verkitschte Posen, die an eine Mischung aus Yoga und der Titanic-Hebefigur erinnern, im Hintergrund schmettert Mariah Carey „I can’t live without you“. Mir rattern Ideen durch den Kopf, worum es hier gehen könnte: aber ehrlich gesagt bleibe ich noch sehr ratlos.

Das Ensemble von „Meine Damen und Herren“ ist ein wie man politisch korrekt formulieren würde inklusives Ensemble – jedes Pärchen dieses Abends besteht aus einem*r Tänzer*in  ohne und einem*r mit…hm, nun ja…(wie sage ich das jetzt ohne dass es so klingt als spiele es eine Rolle aber auch nicht so als sei es total irrelevant? Ganz schön schwierig)…mit einer Behinderung. Einschränkung. Handicap. Im Grunde genommen, so ist mein Eindruck, möchte dieser Abend es mir leicht machen und vor allem eines vermitteln: ja, wir sind verschieden, wir sehen verschieden aus, haben verschiedene Geschichten erlebt, aber: na und? Jede*r Tänzer*in wird, wie das Programmheft mir verrät, erst in den Begegnung mit dem Gegenüber ein Individuum. Zusammen ist man weniger gleich. Und dennoch bilden die Paare eine Einheit. Hier wird sich vorgeführt, gekränkt, in die Wunden gebohrt. Aber jede*r bekommt sein/ihr Fett weg. So wird dem Publikum etwa Friederike vorgestellt, von der ihr Gegenüber behauptet dass sie gerne Maria Stuart spiele, weil sie selbst auch gern die Opferrolle einnehme, die eine Rolle in einem Film von Florian Henckel von Donnersmarck abgelehnt habe, weil sie keine behinderte Frau, die im Konzentrationslager umgebracht werden soll, spielen wollte und die einen extremen Überbiss hat, weil sie früher immer an den elterlichen Tischbeinen genagt habe, wenn sie wütend war. Amüsant ist der Abend, es darf gelacht werden und es wird gelacht. Hier sind Menschen auf der Bühne des Lichthof Theaters, Menschen mit Makeln und Macken – allesamt einzigartig. Tatsächlich fühle ich mich jedoch auch nach Paar Nr. 2 und 3 noch verloren, denke darüber nach, was ich zu diesem Abend schreiben soll. Den Versuch dessen haben Sie gerade gelesen.