Labor für zukünftiges Zusammenleben: zu Besuch im Migrantpolitan

10.4. // Neele Jacobi

Abseits der großen Industriehallen der Kulturfabrik Kampnagel steht in Mitten einer kleinen Grünfläche ein aus Holz, in scheinbarere DIY Manier entstandenes, kastenförmiges Gebäude. Im Innern eine Bar, der Boden ist bedeckt mit riesigen Teppichen, die Kacheln der vielen kleinen Tische zeigen die Hamsa-Hand, kulturell-religiöses Symbol. Bei genauem Hinsehen entdecke ich den ausgestreckten Mittelfinger – Hamam Vuitton, eine Überschreibung der Louis Vuitton Optik. Ein politischer Ort, das spürt man sofort. Ich setze mich auf eines der schweren Sofas, Rauch liegt in der Luft. Mir gegenüber sitzen Anas Aboura, Moaeed Shekhane und Nadine Jessen. Im Rahmen des Hauptsache Frei Festivals haben sie eingeladen, wollen Einblicke geben in jenes Projekt, welches hinter diesem Ort steckt.

Was ursprünglich temporärer Aktionsraum unter der Initiative der Hamburger Künstlergruppe Baltic Raw und später, im Rahmen des Sommerfestivals auf Kampnagel, Welcome Center war, ist seit 2015  Migrantpolitan – „Label und Ort“, wie Kurator Anas Aboura mir erklärt. Mit seinem bunten Programm – von Oriental Karaoke über Performances bis hin zu Vorträgen – fungiert es als Labor für Visionen einer zukünftigen Gesellschaft, die gemeinschaftlich und auf Augenhöhe von Migranten*innen und Nicht-Migranten*innen geprägt wird. Fern aller in Medien und Politik propagierten Forderungen nach Integration und Willkommenskultur möchte Migrantpolitan vor allem eines: Freiräume bieten, Gemeinschaft stärken, safe space sein. „Mir ist scheiß egal wo jemand herkommt“, betont Jessen, die Migrantpolitan von Kampnagel Seite aus betreut und das Projekt initiiert hat.

Doch das Projekt spürt den gesellschaftlichen Gegenwind, der von rechts zunehmend stärker wird. Graffitis mit rassistischen Symboliken auf dem Gelände, eine rechte Burschenschaft in unmittelbarer Nachbarschaft, Anfeindungen gegen Kampnagel Intendantin Amelie Deuflhard. Man spüre, dass sich die Stimmung da draußen verändert, radikalisiere. Jessen merkt man nicht nur ihre Leidenschaft für die Sache, sondern auch ihre Wut gegenüber der politischen Situation in der Stadt an. „Antifascist“ steht in weißen Lettern auf ihrem schwarzen Shirt, um ihren Hals hängt eine goldene Kette mit einem ausgestreckten Mittelfinger. Das Verfahren gegen den oder die Graffiti-Sprayer*in sei eingestellt worden, erzählt sie – als Vandalismus wurde es eingestuft. Dass die Symboliken jedoch auf Volksverhetzung deuten, das scheine Behörden und Polizei nicht zu interessieren. Ob sie den Ort noch als geschützten Raum empfinden, frage ich Anas und seinen Kollegen. Ja, sagen sie, konkret bedroht fühlten sie sich nicht, aber die Entwicklungen da draußen machen ihnen merklich Sorgen. Sie wollen kämpfen, dafür, dass Faschismus und Rassismus keinen Platz haben und dafür, dass die Vision, die sie mit Migrantpolitan leben, auch außerhalb des Kampnagel-Kosmos Wurzeln schlägt. Genau solche Orte braucht es in diesen Zeiten: Orte des Widerstandes, des Kampfes, des Idealismus.