„Jedes Los gewinnt!“. „Staging Democracy“ zeigt Wege aus der politischen Krise.

10.4. // Neele Jacobi

Demokratie (von altgriechisch δημοκρατία ‚Herrschaft des Staatsvolkes‘; von δῆμος dēmos „Staatsvolk“ und altgriechisch κρατός kratós „Gewalt“, „Macht“, „Herrschaft“) bezeichnet […] Herrschaftsformen, politische Ordnungen oder politische Systeme, in denen Macht und Regierung vom Volk ausgehen (Volksherrschaften)“ (wikipedia)

Befragt man das World Wide Web zu Demokratie, folgen auf Ausführungen zur  Begriffsherkunft in aller Regel Sätze, die mit „Aber“ beginnen und darauf hinweisen, dass das Label Demokratie nicht immer etwas mit Volksherrschaft zu tun habe. Die Demokratie scheint also, besonders angesichts der Blüte antidemokratischer Bewegungen und einer wachsenden Politikverdrossenheit, in die Krise geraten zu sein.  Mögliche Wege aus dieser brachten am Mittwochabend rund 20 Hamburger*innen auf die Bühne. Im Rahmendes Projektes „Staging Democracy“ wurde jeder*m von ihnen ein politisches Fachgebiet zugelost, über welches in anschließenden so genannten FACTORIES – Bürger*innenversammlungen – diskutiert, gestritten und sich geeinigt wurde. Diesen Prozess brachte das Ensemble aus Laien-Schauspieler*innen anschließend auf die Bühne.

Ihre These lautet: Jeder sehnt sich nach Demokratie, aber keiner glaubt mehr dran. Frust, denn die da oben interessieren sich eh nicht für die da unten. Demokratie ist keine Göttin mehr, jede*r biegt an ihr herum, formt sie nach seinem/ihrem Willen. Ihr Lösungsvorschlag ist: Los statt Kreuz. So wie in den Anfängen der Demokratie, als Wahlen noch ein Fremdwort waren. Durchschnittsbürger*innen, per Losverfahren ausgewählt, regierten, übernahmen Verantwortung, formten die Gesellschaft, in der sie selbst lebten. Hinter dieses Ernennungsverfahrens durch die Einführung der Wahlen stand der Wunsch, nicht länger vom Otto-Normal-Bürger*in, sondern den Besten des Landes regiert zu werden – eine neue Elite sollte die Macht in ihren Händen halten. Doch angesichts des heutigen Zustandes der Demokratie scheint die Frage der Schauspieler*innen berechtigt: Wenn nicht Wahlen, was dann? Lebensnah und angenehm zugänglich spielt „Staging Democracy“ mit der Idee des Losverfahrens im demokratischen Prozess. Wenngleich Komplexitäten des politischen Betriebes hier teilweise ausgeblendet werden, so gelingt es den Hamburger Laien-Schauspieler*innen, Visionen und Ideen aufzuzeigen, die zum Nachdenken anregen. Wie wäre es, wenn ICH Verantwortung übernehmen müsste, wenn ICH politische Entscheidungen unmittelbar beeinflussen könnte?

Mir hat dieser Abend vor allem eines gemacht: Mut. Mut, das vermeintlich Unmögliche oder Idealistische auszuprobieren,  Mut, den Parteienfrust zu bekämpfen. Demokratie, das konnte man auf der Bühne wie im Publikum spüren, ist gemeinschaftliche Verantwortung und verantwortungsvolle Gemeinschaft.