Expressionismus als Performance: Blue Moon

10.4. // Saskia Menges

Die Kunstrichtung des Expressionismus wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von einer Gruppe von Künstlern vertreten, die sich mit ihrem ausdrucksstarken Wirken von der Vorherrschaft der institutionellen und offiziell geförderten Kunstakademien befreien wollte. Die Kunstkritik nannte sie die „Fauves“ – die „Wilden“, weil sie mit jeder Tradition brachen, eine Vereinfachung der Darstellungen vornahmen und künstlerisch neue Wege erschlossen. 

Und eben jene expressionistischen „Wilden“ schienen sich gestern Abend über den Boden der Kampnagelbühne zu rollen, zu kugeln, zu schleichen, zu fauchen, zu ducken, zu schlängeln. Das Stück „Blue Moon“ vereinfachte die Formen des Tanztheaters, entwickelte es zu einer einzigen Ektase, wühlte auf und reiste das Publikum mit, soweit, dass sogar zwei Besucher noch vor dem Ende des Stücks den Saal verließen.

Verständlich, denn angenehm anzuschauen war das Stück nicht – Es war eher  irritierend und vulgär.

Dieses Unbequeme fing damit an, dass das Publikum am Rand des Bühnenbodens Platz nehmen durfte und damit gleichsam Gegenstand des Geschehens wurde. Es bildete dann auch ein Interaktionsmoment mit den Künstlerinnen, womit die Distanz zum Gezeigten auf ein Minimum verringert war. Den Saal betretend wurde man von Urwaldgeräuschen empfangen, Nebel bedeckte den Boden, Fleischerhaken hingen von der Decke, an denen Würste, Felle und dergleichen mehr baumelten. Die fünf Künstlerinnen, gehüllt in Pelzmäntel, bildeten eine Art haarigen Berg. „Animalisch“ war der Begriff, der mir sofort durch den Kopf ging. Und das, was sich da schon beim Eintreten in den Raum vermuten ließ, bestätigte sich während des Stücks, in dem ein sehr tierisch wie menschlicher Zugriff zu Sexualität, Masturbation und Zärtlichkeit dargestellt wurde. Das alles geschah auf eine sehr harte, manchmal fast brutale Art, in der auch Kunstblut nicht fehlte. Es war aber eine Härte, die den Menschen nicht fremd war, eine Härte die so oder so ähnlich stattfindet – Hier nur in einer Tanzperformance, durch Bewegung und Schreien und animalische Laute auf die Spitze getrieben. Es scheint so, als ob hier eine expressionistische Form der bildenden Kunst sein Äquivalent in der darstellenden Kunst gefunden hätte. Das Stück war ein Erlebnis subjektiver Empfindungen, die die animalischsten und vielleicht dunkelsten Ecken des Bedürfnis und Lust nach Sexualität bearbeitete. Es gab, zu Recht, viel Applaus.