Schwarzer Humor funktioniert nicht immer. Über Silke Rudolphs „Humanistische Unterweisung Nr. 8“

9.4. // Neele Jacobi

„Encephalomyelitis disseminata, so heißt die Multiple Sklerose im Fachjargon, hat sich als Begriff nicht durchgesetzt – stattdessen sagen die Leute ED. Wie ein Kosename, der sich nicht hält. Das erinnert mich an meine Schwestern, nur dass es da umgekehrt war“.

Worüber darf man eigentlich lachen? Wie passen Ernsthaftigkeit und Albernheit abseits alltäglichen schwarzen Humors zusammen? Diese Fragen geistern mir, wie schon am Montag nach der Performance „Eins zu Eins“ im Monsun Theater, auch an diesem Dienstagabend im Lichthoftheater durch den Kopf. Statt Handicaps, standen an diesem Abend Krankheit und Tod auf dem Programm beziehungsweise der Bühne. Die Kunst, so denke ich, sollte, ja muss sich mit ernsten gesellschaftlichen Themen befassen. Sie bietet – wie auch Matthias Sebastian im morgendlichen Workshop zu künstlerischer Forschung betont hat –  aufgrund ihrer Unabhängigkeit und Freiheit die Möglichkeit, neue Zugänge zu schaffen, neue Perspektiven zu bieten. Genau dies schien die erste der beiden abendlichen Hauptproduktionen, die Lecture Performance „VERSTREUTE HERDE, WEIßE FLECKEN UND SCHWARZE LÖCHER – Humanistische Unterweisung Nr.8“ von Silke Rudolph, zu wollen. Sie beschäftigt sich mit Encephalomyelitis disseminata, besser bekannt als Multiple Sklerose.

Zu Beginn verteilt Rudolph Sekt im Publikum, füllt die Wartezeit mit anekdotischen Erzählungen, balanciert einen überdimensionalen Stofftierartigen Bleistift auf dem Kopf – die Relevanz dieses Beginns bleibt mir verborgen, lachen tue ich dennoch. Dann schlüpft die Performerin in die Rolle ihrer Bühnenfigur, der Krankenschwester Richmute, eine „ganz normal arbeitende“ Frau. In einer TED-Talk-artigen, wie Richmute sie nennt „Humanistischen Unterweisung“, spricht sie über die oft schwer verlaufende Erkrankung. Im Hintergrund ertönt „Take on me“ in einer schaurigen Blockflötenversion. Ich muss lachen. Schwester Richmute malt sternenförmige Nervenzellen auf die weißen Papierbahnen, spricht von entzündeten Myelinscheiden, Gehirnstrukturen. Halb ernst, halb pseudo-wissenschaftlich erläutert sie die Erkrankung, ein „sehr jung aussehender“ Neurologe, Dr. Jachmann, ergänzt. Das Vortragsformat wird unterbrochen von kurzen Einblicken in das Familienleben einer MS Erkrankten. In rasanten Rollenwechseln erfahren wir etwas über die Patientin, den Neurologen, die entnervte Tochter und den geldgierigen Schwiegersohn. Als Mutter hängt die Performerin schlaff über der Stuhllehne, beklagt mit piepsiger, debiler Stimme ihren elenden Zustand. Später schlüpft sie in die Rolle einer anderen Erkrankten – „im Supermarkt fahre ich immer Wettrennen gegen mich selbst. Kinder beneiden mich“. Richmute erklärt, sie sei sich bewusst, dass man nicht für Minderheiten sprechen solle, da aber niemand mit MS, den sie kenne, gewollt habe, spreche sie nun doch selbst. Ja, denke ich, ok, ein Dilemma. Schwer zu lösen. Und ja, denke ich, vielleicht hätte man sich die Rollstuhlszene, die Blockflötenergüsse, die verlegenen Witze und die dahinsiechende Mutterrolle sparen können. Denn ich finde: Albernheit tut diesem Abend, seiner potenziellen Tiefe, leider nicht gut.